Vor knapp zwei Wochen war wieder die schlimmste Nacht des Jahres für viele Tiere: Silvester mit all seinem Krach, seinen Lichteffekten und angstmachenden Gerüchen. Und die Hoffnung, dass diese „Tradition“ bei uns in Deutschland irgendwann mal wieder in einem vernunftbegabten Ausmaß abläuft, hab ich mir längst von der Backe geschmiert. Für uns Menschen mit Haustieren bedeutet das: Unseren verzweifelten Tieren irgendwie helfen. Zum Beispiel mit Training, mit frühzeitigem und konsequenten Training. Darüber rede ich mir seit Jahren den Mund fusselig – oft leider vergebens.
Deshalb möchte ich heute davon schreiben, welchen Unterschied so ein Training für eine kleine Katzenseele machen kann. Für Fiona hieß das: von nackter Panik hin zu einer „nur“ zeitweise unangenehmen Erfahrung, von der sie sich aber schnell wieder erholt hat. Das ganze hat bei uns drei Silvester gedauert. Denn auch das ist eine Wahrheit, die ich immer wieder anspreche: Training funktioniert nicht von heute auf morgen – und erst recht nicht beim Silvestertraining. Darum müssen wir frühzeitig damit starten.
Fionas erstes Silvester bei uns war eine Horrornacht mit nackter Panik
Im August 2023 kam Fiona zu uns. Schnell zeigte sich: sie ist ein total liebes Mädchen, das aber bei lauteren Geräuschen oder Aufregung schnell mal ängstlich reagiert. Dann ist Flucht und länger andauernde Unsicherheit danach angesagt. Zusätzlich zeigte sich auch, dass so manche – eigentlich normale – Alltagssituation ihr Angst machte: Fegen mit dem Besen, Geschirrtücher die durch die Luft wedeln, Blumensprüher. Ohne etwas genaues über ihre Vergangenheit zu wissen, würde ich vermuten, dass sie doch etwas „vorbelastet“ bei uns ankam.
Mit einem Zeitfenster von knapp 4 Monaten bis zum ersten Silvester hatte ich schon ein bisschen Bammel – zumal sie sich ja auch noch an uns, unseren Alltag und die beiden vorhandenen Katzen gewöhnen musste. Da lag die Konzentration erstmal auf „überhaupt eingewöhnen“ und „Alltag normalisieren“. Ich hatte in der Zwischenzeit schon vermutet, dass ihr erstes Silvester dementsprechend alles andere als einfach wird.
Und so kam es dann auch: schon die Tage vor Silvester gabs bei uns vereinzeltes Geknalle. Für Fiona jedes Mal ein Grund zum Zusammenzucken, panisch wegzurennen und sich zu verstecken – und zwar in immer wieder anderen Verstecken. Ganz schlechte Vorzeichen für Silvester! Die Silvesternacht selbst verbrachte sie kopflos umherrennend, ließ sich nicht beruhigen, zitterte und hechelte teilweise auch. Bis für sie wieder Alltag eingekehrt war dauerte es mehrere Tage.
Ein Albtraum für uns alle! Sie tat mir unglaublich leid und es war klar, dass wir dringend, dringend mit Training helfen mussten.
Training im Alltag für mehr Vertrauen und weniger Angst
Das Jahr 2024 haben wir damit verbracht, eine Familie zu werden und Fionas Alltagsängste so gut es geht zu lindern. Sie lernte Bedürfnisse zu kommunizieren, zu fordern und auch, dass sie hier erfüllt werden. Das Vertrauen wuchs und auch ihre Angstreaktionen pendelten sich ein: sie hatte weniger und weniger stark ausgeprägte Angstreaktionen. Und lernte vor allem auch, besser damit umzugehen. Wenn dann doch mal etwas sehr überforderte, dann war die Fußbank im Wohnzimmer ihr safe space. Mit unserer Unterstützung lernte sie immer mehr, sich schneller wieder da raus zu trauen.
Dazu haben wir ganz bewusst daran gearbeitet, Vertrauen gefördert und sie mit gutem Zureden unterstützt. Zugegeben, viele Leckerchen und andere Belohnungen (fürs Streicheln gibt sie alles 😀 ) waren natürlich auch im Spiel. Wir haben vorhersehbare angstmachende Situationen angekündigt und auch danach ein „Vorbei-Signal“ gegeben. Das sorgte dafür, dass für sie alles vorhersehbarer ist und sie lernte, uns mehr zu vertrauen. Und außerdem auch, dass „böse Dinge“ vorbeigehen und unsere Reaktionen ihr zeigten, dass das alles gar nicht sooo schlimm ist.
Fionas Mut kommt in Wellen
Ich habe zu dieser Zeit bemerkt, dass ihre Entwicklungen und auch ihr Mut in Wellen kommen: Manchmal gibt es monatelang keine neuen Entwicklungen, keine Verbesserungen. Und dann plötzlich von einem auf den anderen Tag – Zack: da macht etwas kaum noch Angst oder sie traut sich jetzt wie selbstverständlich auf den Schoß zu krabbeln. Meine anderen bisherigen Katzen haben sich eher kontinuierlich entwickelt, daher ist Fionas Weg für mich ungewohnt.
Aber es bringt auch jedes Mal unglaublich emotionale Momente mit sich, wenn die kleine Madame mal wieder völlig unvermittelt einen Entwicklungssprung gemacht hat. Ich glaube, so viel vor Rührung geheult wie für Fiona hab ich noch bei keiner Katze 😀 Mir geht jedes Mal das Herz auf, wenn sie völlig stolz „neue“ Dinge tut. Obwohl das beim Unsinn anstellen nicht ganz so erfreulich ist. Aber auch da freue ich mich, wenn sie das Selbstbewusstsein findet, mal wieder einen Hirnfurz umzusetzen 😀 Und sie kann dabei so herzig gucken, dass man ihr einfach nicht böse sein kann 😀
Wir haben das Ganze unterstützt, indem wir ruhig und ohne Bestrafungen erzogen haben. Sie ganz bewusst mit gutem Zureden und Ablenkung aus Angstsituationen rausgeholt haben. Zusätzlich sind wir ganz bewusst auf jedes (noch so subtil) kommunizierte Bedürfnis eingegangen und haben es erfüllt. Egal, ob es für uns Menschen zeitlich gerade passte oder nicht. Das war zugegebenermaßen viel „Geschiss“ und viel „Betüddeln“, aber es hat deutliche Wirkung gezeigt: Fiona ist jetzt absolut sicher darin und weiß, dass sie sich auf uns verlassen kann – und das obwohl die Phase des übertriebenen Getüddels schon längst vorbei ist.
Angstreaktionen und den individuellen Umgang damit lernen
Und noch etwas haben wir getan: Wir haben sie genau beobachtet, wie sie Angst ausdrückt und wie sie reagiert. Im Laufe des Jahres 2024 etablierte sich der safe space unterm Fußhocker im Wohnzimmer ganz fest als Angstversteck. Wir wussten, dass sie dahin zuverlässig flüchtet. Also gings daran zu lernen, wie wir als Menschen ihr die Angst erleichtern können.
Und das ist ein ganz individuelles Ding für jede Katze. Für Fiona bringt meine Hand im Versteck eine enorme Hilfe. Ich lege die Hand hinein und lasse sie selber entscheiden, ob sie gestreichelt werden oder nur den leichten gewohnten Geruch aufnehmen möchte. Für viele andere Katzen wäre so ein Hineingreifen ins sichere Versteck ein absolutes NO NO!
Wir beide haben uns so weit eingependelt, dass ich mittlerweile nur in ganz extremen Ausnahmesituationen (z. B. Silvester) ins Versteck reingreifen muss. In allen anderen Fällen reicht beruhigendes Zureden und sie verlässt nach wenigen Minuten ihr Versteck von selbst wieder. Danach ist sie sehr aufgeregt und braucht viel Zuwendung. Bekommt sie natürlich gerne 😉
Mit viel Wissen und Vorbereitung ins zweite Silvester
Das alles – mehr Vertrauen, Training, Wissen um Angst(reaktionen) – haben uns das zweite Silvester deutlich erleichtert. Und wenn ich „erleichtert“ sage, meine ich nicht „alles war super“. Denn nein, das war es nicht! Aber es war immerhin „nur“ Angst und nicht mehr nackte Panik. Und das ist in meinen Augen – und wohl auch in Fionas Augen! – ein riesiger Fortschritt!
Auch die Tage rund um Fionas zweites Silvester wurden wieder „außerhalb der Zeit“ Knaller gezündet. Da konnte ich bemerken, dass nur noch die absolut schlimmsten von ihnen Fiona in ihr Versteck trieben. Schonmal bessere Vorzeichen! Ich habe den Tag genutzt, unsere Wohnung – und vor allem ihre „Safe-Fußbank“ – vorzubereiten: Decken vor die Fenster, um Geräusche und Lichteffekte zu dämpfen, Decken über alle Verstecke und leise Musik, damit der Geräuschpegel nicht so extrem wechselt.
Die „Knallerzeit“ hat Fiona ängstlich unter ihrem Fußhocker verbracht. Weit aufgerissene Pupillen, viel Zusammenzucken und viel klein in die Ecke kauern. Typische Anzeichen für große Angst. Aber sie konnte nur wenige Stunden nach Abklingen der Knallerei wieder halbwegs normal in der Wohnung rumlaufen.
Somit war das zweite Silvester deutlich besser als Fionas erster Jahreswechsel bei uns – aber kein Zustand, den ich ihr noch einmal zumuten wollte. Aber Training und Entwicklung brauchen Zeit. Dennoch war ich nach Fionas zweitem Silvester sehr erleichtert, denn es war klar, dass wir auf einem guten Weg waren. Noch nicht am Ziel, aber die Richtung war eindeutig vielversprechend. Ist ja auch schonmal was!
Etappenziel erreicht: Das dritte Silvester mehr genervt als ängstlich
Fionas Entwicklungen gingen natürlich auch 2025 weiter. Da allerdings mit deutlich weniger Unterstützung durch uns, denn die brauchte sie nur noch in absoluten Ausnahmesituationen. Dennoch habe ich auch letztes Jahr gemerkt, dass ihr Vertrauen in uns noch einmal ein paar deutliche Sprünge gemacht hat. Wir alle sind noch enger zusammen gewachsen. Und zwar so sehr, dass ich mich heute jede Nacht mit zwei ineinandergeknoteten Katzen um den Platz im Bett streiten muss 😀 Denn Fiona muss nachts mittlerweile wenigstens ein paar Stunden eng an mich gekuschelt im Bett schlafen.
Gerade im zweiten Halbjahr hat Fiona sich rasant entwickelt und es war mir schnell klar, dass dieses Silvester ganz anders wird als die vorherigen. Tatsächlich hat sie die meiste Zeit der Silvesternacht außerhalb ihres Verstecks verbracht, konnte Ablenkung und Leckerchen extrem gut annehmen und war größtenteils nur leicht irritiert. Aber dann kamen extrem laute Knaller direkt vor unserem Fenster. Und mir ist das Herz in die Hose gerutscht, denn mir war klar, dass DAS eindeutig zu viel war.
Ich hatte Angst, wie wohl Fiona darauf reagiert. Und ich musste wirklich schmunzeln, als ich gesehen habe, was sie machte: sie ging entspannt ins Versteck. Und zwar nicht panisch, nicht ängstlich, aber sichtlich genervt. Da blieb sie dann, ließ sich kraulen und Leckerchen reichen und kam sofort wieder raus als das schlimmste Geknalle vorbei war. Aber das Versteck hat sie kurzzeitig gebraucht, um sich ein wenig aus der Situation heraus zu ziehen. Und das soll sie gerne machen!
Meine Aufgabe, ihr die Angst zu nehmen hat zum dritten Silvester wohl gute Früchte getragen. Sie weiß jetzt, dass sie sich jederzeit zurückziehen darf, unterstützt wird und sich an uns (und den anderen beiden Katzen) orientieren kann. Sie wird zu nichts gezwungen und darf auch mal Angst haben oder genervt sein – sie hat jetzt aber gelernt, besser damit umzugehen. Das war mein wichtigstes Etappenziel! Und ich bin unglaublich stolz auf sie, dass sie das mit Bravour erreicht hat!
Schließlich sollte keine Katze panische Angst haben müssen. Schon gar nicht, wenn wir mit Vorbereitungen und Training sehr viel verbessern können – wir müssen nur wollen!
Auch meine anderen beiden Katzen profitieren vom Training
Wie schon geschrieben, orientiert sich Fiona auch an meinen anderen beiden Katzen Janis und Lara. Vor allem an Janis, sie ist mehr als eine gute Freundin für Fiona: eher Ersatzschwester oder -mama. Und Janis ist glücklicherweise ne verdammt coole Socke! Die letzten beiden Silvester hätte sie glaube ich am liebsten durchgepennt. Sie interessiert das Geknalle draußen nicht die Bohne – sie möchte eher noch auf den Balkon, um sich das anzugucken *seufz*
Was sie aber sehr interessiert, sind die Leckerchen, die ich in der Silvesternacht gaaanz großzügig verteile 😀 Der kleine laufende Magen hat an Silvester immer die Zeit ihres Lebens 😀 Für Fiona ist es also ideal, sich an ihrer Langhaar-Doppelgängerin zu orientieren, Und auch mir macht es das Training leichter!
Lara lässt sich da schon eher aus der Ruhe bringen, allerdings auch nur bei den ganz extremen Knallern. Bei den „normal“ lauten verdreht sie maximal ein Ohr und öffnet beim Dösen ein Auge. Mehr nicht.
Alle beide haben natürlich ein paar Jahre Training Vorsprung, aber vor allem auch einen deutlich selbstbewussteren Charakter. Und mit acht bzw. elf Jahren, in denen sie bei mir leben, auch ein ganz anderes Nähe- und Vertrauensverhältnis. Dennoch helfen den beiden die Silvestervorbereitungen und das ganze Training, das wir im Alltag machen, natürlich auch enorm. Auch sie können gelassener mit ungewohnten oder angsteinflößenden Situationen umgehen. Training ist eben nie „zu viel“ oder „überflüssig“!
Nächstes Etappenziel: Ein verwaistes Versteck
So unglaublich stolz ich auf Fionas Fortschritte bin, ich möchte hier nicht unbedingt stoppen! Ja, ihr diesjähriger Umgang mit Silvester ist der, den sich tausende Katzen und ihre Menschen verzweifelt wünschen. Und auch ja, der Umgang hat jetzt ein Level erreicht, das wünschenswert ist und eigentlich auch so vollkommen in Ordnung ist. Aber ich möchte mehr als „in Ordnung“ für Fiona, falls das zu ihr passt. Ich möchte, dass sie zum nächsten Jahreswechsel ihr Versteck gar nicht mehr braucht. Aber ob das zu ihr passt, wird dieses Jahr zeigen.
Denn bei all dem, was im Training möglich ist, dürfen wir auch nie die Persönlichkeit unserer Katzen übergehen. Das bedeutet für uns: Vielleicht ist Fiona eine Katze, die kurzen Rückzug braucht, dann aber keine Angst hat – sondern nur kurz (etwas abgeschirmt von Reizen) durchschnaufen muss. Wenn das so ist, ist das richtig für sie und nichts, woran ich weiter arbeiten muss. Wenn sie aber zeigt, dass sie beim Rückzug dennoch Angst hat und das Versteck dazu da ist, sich „in Sicherheit“ zu bringen, dann ist in meinen Augen mehr Training nötig.
Denn mein Endziel ist: Angst so gut es geht lindern und Fiona einen verlässlichen Weg an die Pfote zu geben, sich selbst zu regulieren. Sie wird mir zeigen, wie und ob sie das kann – und was sie dazu braucht.
Silvestertraining ist jeden Tag und zwar am besten ab dem Tag des Einzugs
Ich weiß, ich hab wieder viel zu viel geschrieben 😉 Aber ich habe so viel geschrieben, um drei Dinge mehr als deutlich zu machen:
- Silvestertraining passiert nicht nur ein paar Tage vor dem Jahreswechsel
- Silvestertraining ist viel mehr als „Versteck anbieten“ und die Katze zu belohnen, wenn sie die Beruhigungstablette frisst
- Silvestertraining dauert – wie jedes Training – lange und sollte so früh wie möglich starten
„Ab dem Tag des Einzugs“ kommt vielleicht überspitzt rüber. Aber tatsächlich trifft es den Nagel auf den Kopf: Denn Training passiert auch unbewusst im Zusammenleben, im Alltag – ohne, dass wir uns ganz bewusst mit der Katze hinsetzen und eine zeitlich abgegrenzte Trainingssession durchführen. Die Katze lernt im Alltag mit: von dem, was sie erlebt, wie wir uns ihr gegenüber verhalten, wie negative Erlebnisse sie beeinflussen.
All das formt die Katze. Und wir haben jeden Tag, jede Minute die Chance dieses „Formen“ ganz bewusst ins Positive zu lenken. Auch mit nur ganz kleinen Gesten.
Bitte trainiert mit euren Katzen!
Leider viel zu oft bekomme ich mit, dass Katzen jahrelang mit ihren Menschen zusammenleben und die Gedanken, der Katze etwas zu erleichtern erst dann kommen, wenn die Kacke schon am Dampfen ist. Und das betrifft jedes Jahr wieder zuverlässig den Silvestertermin. Aber auch extrem oft Medikamentengaben oder Besuche in der Tierarztpraxis!
Fast immer sind dann spontane Notlösungen nötig, die der Katze kaum etwas erleichtern. Und in vielen Fällen das Ganze nur verschlimmern!
Darum meine inständige Bitte an euch da draußen: bitte fangt noch heute – ja, wirklich heute! – mit dem Silvestertraining, mit dem Tierarzttraining, mit dem medizinischen Training und dem vertrauensbildenden Training an! Ihr könnt nur gewinnen – vor allem aber kann eure Katze nur gewinnen. Nichts muss perfekt sein, aber alles ist besser als „gar nichts machen“!

Verhaltens- & Ernährungsberaterin für Katzen, Bloggerin
Miriam steht für die artgerechte Katzenhaltung. Mit ihrem Herzensprojekt katzen-fieber.de sensibilisiert sie seit über 13 Jahren für kätzische Bedürfnisse. Mit Online-Magazin, Vorträgen, Webinaren und Büchern vermittelt sie einfach verständliches Wissen. Individuelle Beratung rundet das Konzept ab. Für ein harmonisches Zusammenleben zwischen Mensch und Katze!



