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Von der Kratzbürste zur Traumkatze

Inhalt zuletzt aktualisiert am: 03.11.2014

Anfangs war unser Zusammenleben alles andere als einfach. Lucy war eine angst-aggressive Katze, die bei jedem ungewohnten Geräusch, jeder ungewohnten Bewegung in die Offensive ging. Wie oft wurde ich gekratzt, wie oft angefaucht? Wie oft hat Lucy sich vor lauter Überforderung zurückgezogen? Zählen konnte ich das längst nicht mehr.

liegende Katze

Lucy war stets wachsam

Unser großes Problem war, dass Lucy vor so ziemlich allem Angst hatte. Ich konnte nie einschätzen, wie sie auf eigentlich alltägliche Dinge reagiert. Woher dieses scheinbar tiefe Trauma kam, kann ich bis heute nicht sagen. Ich weiß nur, dass ich sie als Kitten - krank und verfloht - aus einem weniger verantwortungsvollen Zuhause geholt hatte. Was sie in den wenigen Lebenswochen vor ihrem Einzug bei mir erlebt hatte, werde ich wohl nie erfahren. Allzu positiv kann es jedenfalls nicht gewesen sein.

Nach ihrem Einzug bei mir mussten wir uns zunächst um ihre Flöhe und ihren Katzenschnupfen kümmern. Es vergingen Monate, bis Lucy richtig gesund war. Im Laufe der ersten Wochen zeigte sich mir immer deutlicher, dass Lucy scheinbar große Probleme im Kontakt mit Menschen hatte, sie kannte es wohl einfach nicht. Meine Vermutung war damals, dass sie in ihren ersten Lebenswochen wohl keine besondere Aufmerksamkeit von ihren bisherigen Haltern bekommen hatte.

Ihr Vertrauen zu gewinnen hat mich letztlich Jahre gekostet. Es war nicht immer einfach, so manches Mal war ich richtiggehend verzweifelt. Wie konnte ich diesem Kätzchen klar machen, dass ich nichts Böses will, wenn ich ihr ein Bällchen zuwerfe? Wie konnte ich ihr zeigen, dass sie hier sicher war?

Irgendwann hatte ich mich damit abgefunden, dass Lucy keine Katze ist, die Menchen mag, die ihnen vertraut. Uns beiden war es lange genug, so lange sie fraß, sich ab und zu einmal streicheln ließ und nur langsam Vertrauen fand. Ich ließ sie in Ruhe, ließ sie ihr Tempo finden, um auf mich zuzukommen. Ich wusste, dass ich sie mit allem überfordern würde, was ich von mir aus versuchen würde.

Dass sie irgendwann überhaupt einmal ankam, um sich streicheln zu lassen, haben wir beide wohl nur ihrer Spielgefährtin - meiner anderen Katze Tiffy - zu verdanken. Scheinbar war Lucy nach Monaten doch mutig genug, die Aussicht, ebenfalls gestreichelt zu werden, verlockend genug, um sich langsam an mich heran zu wagen. "Wenn Tiffy das gefällt, kann es ja sooo schlecht und gefährlich nicht sein".

Aber auch nach diesem ersten zaghaften Annäherungsversuch wurde es nicht gravierend besser. Zwar durfte ich sie ab und zu streicheln, sie kam auch immer öfter nachts - natürlich heimlich - ins Bett gekrochen, um sich an mich zu schmiegen, aber trotzdem schien der Alltag immer noch eine Überforderung für sie zu sein.

Erst ganz langsam waren Alltagsgeräusche für sie kein Grund mehr, panisch zu reagieren, mich blutig zu kratzen oder vor lauter Angst das Weite zu suchen. Monat um Monat verstrich, in denen sie sich immer sicherer fühlte. Irgendwann kam der Zeitpunkt, an dem sie sich zum gemeinsamen Spiel zu mir und Tiffy gesellte. Was für ein riesen Schritt! Von da an wusste ich, dass es - wenn auch immer noch langsam - aufwärts gehen würde.

Viele Stunden haben wir mit Spielen verbracht, viele Stunden saß ich - leise und beruhigend vor mich hinredend - neben Lucy auf dem Boden, wenn sie fraß oder döste. Und Schritt-für-Schritt, Tag-für-Tag durfte ich immer länger, immer näher an sie heran.

Katze in Liegemulde

Lucy döst in der Liegemulde des Kratzbaums

Auch Rückschläge waren in dieser Zeit zu verkraften. Zwar hatte sie sich an mich weitestgehend gewöhnt, aber plötzliche, laute Geräusche wie die Türklingel oder ein hupendes Auto waren dann doch zuviel des Guten. Stand ich ihr zufällig bei ihrem Fluchtversuch im Weg, konnte ich mich am nächsten Tag wieder mit Kratzern zur Arbeit wagen.

Trotzdem wurde es zusehends von Monat zu Monat besser. Musste ich sie anfangs noch wie ein "rohes Ei" behandeln, war sie nach Jahren des Zusammenlebens zumindest mir gegenüber aufgeschlossen, schmusig und anhänglich. Man spürte, wie sehr sie meine Aufmerksamkeit, liebe Worte, gemeinsame Kuschel- und Spielstunden genoß.

Unsere "Weiber-WG" hatte sich nach Jahren für alle in ein wohliges, sicheres Zuhause gewandelt. Viel Arbeit, Geduld, Liebe und Nachsicht waren nötig. Auch, wenn ich oft verzweifelt war und innerlich fluchte, war die Liebe zu Lucy doch größer als der Blitzgedanke, mich "des Problems" einfach zu entledigen. Denn ja: der Gedanke, sie an ein anderes Zuhause abzugeben, kam in ganz dunklen Stunden auch.

Letztlich war es aber der Gedanke, dass eine Katze wie sie vermutlich bis zu ihrem Lebensende irgendwo abgeschoben im Heim leben würde - weil keiner so eine Kratzbürste würde haben wollen - auch der Gedanke, der mich zur Vernunft brachte. Aus Liebe zu ihr habe ich gekämpft und aus Liebe zu ihr wäre auch die Aussicht, niemals eine ganz zahme Katze zu haben, für mich in Ordnung gewesen.

Wenn ich heute an Lucy denke, fallen mir vor allem ihre letzten Wochen auf Erden ein. Auch, wenn sie tragisch waren, waren dies die Zeiten, in denen ich damals merkte, wie sehr wir beide uns verändert, wie sehr wir beide zueinander gefunden hatten. Mit etwa 6 Jahren wurde Lucy schlimm krank. Erschütternderweise war dies gerade zu der Zeit, in der unser Verhältnis inniger denn je wurde. Auch, wenn ich wusste, dass ein Kampf letztlich keine Aussicht auf ein Happy End würde bringen können, sehe ich diese Zeit doch als besonders vertraulich an.

Der Katzenschnupfen kam zurück und wochenlang waren wir gezwungen, gemeinsam dagegen zu kämpfen. Wie viel Vertrauen Lucy zu mir gefasst hatte, wurde mir erst in dieser Zeit klar und im Nachhinein bricht es mir das Herz. Jeden Tag musste ich Fieber-messen, sie teilweise zwangsfüttern, habe sie warm gehalten und ihr ihr Essen aufgewärmt.

Sie ließ sich das alles ohne zu murren gefallen. Noch zu Anfang unseres Zusammenlebens wäre das undenkbar gewesen. Als sie immer schlimmer krank wurde und zu ihrer Infektion auch noch ein akutes Leberversagen hinzu kam, wusste ich, dass die letzten Tage ihres Lebens dazu genutzt werden mussten, mich sanft und ruhig von meiner kleinen Kratzbürste zu verabschieden.

Noch in ihrem letzten Stunden wich sie mir nicht von der Seite, kuschelte sich an mich und genoß unsere gemeinsame Zeit. Als sie in meinen Armen zusammenbrach und fragend in mein Gesicht blickte, wusste ich dass der letzte Liebesbeweis, den ich ihr erbringen konnte, nur noch ihre Erlösung war.

Als sie in der Tierklinik ruhig in meinen Armen einschlief, war ich traurig, aber auch voller Dankbarkeit dafür, dass sie mir am Ende doch ihr Vertrauen geschenkt hat. Sie war zuletzt eine tolle, liebe Katze, die genauso heiß liebte, wie sie zu Anfang Angst gehabt hatte.

Ich bin heute weniger traurig, dass sie gegangen ist als dass ich glücklich bin, meine Zeit mit ihr verbracht zu haben. Trotz aller Streitigkeiten war sie eine einmalige Katze, die mein Leben bereichert hat. Ich bin dankbar für meine kleine Kratzbürste.

Verfasser: www.Katzen-fieber.de
Stand: Juli 2012

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